fall down //

Auf einmal wurde mir klar, dass all die Jahre stilisierter Einsamkeit, all dieses: Wir sind die Generation der Einsamen und wir leiden, all dieses Sich einmalig Fühlen in der Unfähigkeit sich zu binden, nichts weiter war als ein großes, sich ständig wiederholendes Theater. Was hatten wir uns besonders gefühlt! Getriebene Wölfe in dampfenden Großstädten mit Ausdünstungen aus U-Bahn-Schächten, die Hände tief in den Taschen. In Bars hatten wir frierend gestanden mit unserem kajalumrandeten Schmerz. Nur wir wußten, was Leiden meinte, schliefen in ungeheizten Wohnungen, die nach Rauch rochen und in denen der Kühlschrank leer war. Und was war davon geblieben, außer dass wir erst alt werden mußten, um zu erkennen, dass Alleinsein noch trauriger ist, als zu zweit in einem Reihenhaus zu sitzen und das Kind Freia zu nennen.

—Sibylle Berg: Der Mann schläft

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